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Griechenland, oder überhaupt den Süden Europas, verbindet man nicht mit üppigster Vegetation. Vor unser Auge schiebt sich eher das Bild von verbrannter Erde und ausgetrockneten Augustwiesen, von dem malerischen Spiel immerhin des silbrigen Grüns der Olivenbäume und dem hellen Braun und Grau der umliegenden Pflanzen und Felsen. Tatsächlich aber liegt in der Fauna südlich der Alpen der größere Schatz verborgen. Hier haben ein paar der wichtigsten uns bekannten – und auch der uns immer noch kaum bekannten – Heilkräuter, Gewürze und Früchte ihre Heimat. Schon ein wenig Pflege und eine Spur Wasser lassen ja aus einer griechischen Landschaft Kostbarkeiten sprießen.
Zu den Adepten des Wissens um diesen Schatz zählt Waltraud H. Alberti, die seit den 1990er Jahren auf Alonissos lebt. Sie teilt die Kunde von den Heilkräften jener Gewächse, denen mancher von uns Unwissenden mit der Bezeichnung „Unkraut“ ungerecht werden würde. Eine Kunde, zu der sie nun Zugang gewährt in Form des Buchs Garten der Götter, mit dem Untertitel "Pflanzen am Mittelmeer: Heilkraft, Mythos, Geschichten & Rezepte". Sie stellt die wichtigsten der vielnutzbaren mediterranen Gewächse vor, Klassiker wie Lorbeer, Oregano, Granatapfel oder die Zitrone, aber auch Namen, von denen manche sicher für einen Großteil der Leser kaum bekannt sein dürften: Affodil, Ährige Minze, Apulischer Zimet, Wilde Malve oder Wollmispel klingen nach Märchen, und in der Tat besitzen sämtliche Pflanzen Albertis nicht nur eine Geschichte von Herkunft und früherer Nutzung, sondern auch eine sagenumwobene, legendäre Vergangenheit.
Alberti erzählt diese Geschichten, die sich um mediterrane Pflanzen ranken, sie verrät aber auch, und das ist ein besonderer Wert von Albertis Sammlung, jeweils ungewöhnliche Rezepte und Heilkräfte. Sie unterscheidet im Großen zwischen den Gruppen Gewürzpflanzen, Wildgemüsen und Früchten. Jede Pflanze stellt Alberti mit einem liebevollen, historischen und anekdotenreichen Geleit vor, dem die Beschreibung der Heileigenschaften sowie eine Beschreibung der „Verwendung in der Küche“ folgen. Das ganze, versehen mit alt- und neugriechischen und lateinischen Namen, ist unterlegt mit genauen botanischen Angaben, jeweils einem Rezept für eigene Experimente und manchmal noch einem Tipp zu Aufzucht. Besonders unterhaltsam ist dabei der verschwörerische Ton, den Alberti anschlägt, wenn sie zum Beispiel Mönchspfeffer mit Echtem Pfeffer vergleicht, ein Ton, der das schnöde Wissen zu etwas geheimnisvollem macht: „Da man heute nicht ausschließlich mit Mönchspfeffer würzt, sondern den aphrodisierend wirkenden Echten Pfeffer in der Küche hat, gibt es keinerlei Bedenken in der Verwendung. Es sei denn, die Köchin verfolgt einen gewissen Zweck!“
Die Autorin geht auf die klimatischen Bedingungen der Pflanzen in ihrer Wahlheimat der griechischen Inselwelt, wie auch auf die Bedingungen in Deutschland ein, was ihrem Buch die notwendige Allgemeingültigkeit verleiht. Sie hat für die Liebe für Natur und Heilpflanzen vieles aufgegeben. 1994 hängte die ausgebildete Lehrerin ihren krisensichern Job in Deutschland an den Nagel und zog auf die Sporadeninsel Alonissos. Von dort aus widmet sie sich der Kunde und Hingabe zu den mediterranen Heilpflanzen, bietet Heilkräuterseminare an und erforscht mit Wandergruppen die ägäische Fauna.
Waltraud H. Albertis Werk ist das Buch einer Pflanzenliebhaberin für Pflanzenliebhaber oder solche, die es werden sollten(!) Die Namen der großen bekannten Ärzte und Heilkundigen begleiten den Leser dementsprechend auf der Reise durch den Göttergarten: Hippokrates, Dioskurides, Hildegard von Bingen. Der Garten der Götter ist vor allem ein Buch zum Lustwandeln, zum Schmökern, aber auch ein gründlich erarbeitetes und nützliches Nachschlagewerk. Man verliert sich in den Geschichten und es tun sich hinter jeder botanischen Erscheinung neue, vernetzte und verwobene Welten auf. Die Pflanzen bekommen Historie und Charakter. Albertis Göttergarten öffnet die Augen für eine neue Welt. Wer ihr Buch gelesen hat, wird danach wissenden – lesenden – Auges durch die Natur streifen.
(Autor: Robin Schmeck)
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